Ein Urlaub hat einen Funken angezündet

 

Was wir dort sahen und erlebten, hat mein Leben verändert.

Ich wurde durchaus erschüttert, als ich sah die vielen Kinder, die auf der Straße leben, ohne Eltern, unter schrecklichen Bedingungen. Was ich in meinen Körper, in mein Gemüt und in meine Seele spürte, als ich die Geschichten von ihrem Leben hörte und Antworten auf meine Fragen bekam, war unbeschreiblich. Es ist so erschreckend.

Als ich im Flugzeug zurückflog, konnte ich mich nicht von diesen Geschichten befreien. Ich beschloss, dass ich etwas tun sollte.

Was oder wie wusste ich noch nicht, aber ich wusste, dass ich sollte. Nach der Heimkehr waren die Bilder und Erinnerungen immer noch sehr klar. Ich erkannte, wie dankbar wir hier in Dänemark sein sollten – dankbar für unseren Überfluss, unsere Heimat, unsere Gesundheitsversorgung, unsere Liebe, unsere Ausbildung und so viel, viel mehr.

Wir sind geborgen. Ich anguckte meine Habseligkeitenals ich einige meiner Schränke öffnete, konnte ich zum Beispiel berechnen: Wenn ich diese Tasche verkaufen, können 50 Kinder einen Monat lang essen.

Ich brauche diese Tasche nicht, sie ist nur ein „nice to have“, in Gegensatz zu so viel „need to have, das ich in Indien gesehen hatte.

Ich fing an, meine teuren Taschen, Kleider, Schuhe, Schmucksachen usw. aufzuräumen. Ich hält in meiner Heimat eine Freundinnenauktion ab und verkaufte das Ganze und verdiente 29.000 dänische Kronen (ungefähr 3.900 Euro). Meine Freundinnen fragten mich: „Bist du wahnsinnig?“ Ich antwortete ihnen: „Ich fühle mich überraschend normal.“ Mit diesem Geld konnte ich zwischen Dänemark und Indien reisen und das Projekt Gadens Boern starten.

Es war mein Ausgangspunkt, dass Gadens Boern 100 % gemeinnützig sein sollte. Man hat mir gesagt: „Das kannst du nicht.“ Doch, ich glaubte, dass ich konnte. Und jetzt weiß ich, dass wir können. Bis jetzt habe ich nur ein nein bekommen, als ich um Hilfe fragte.

Wir haben alles zu gewinnen und nichts zu verlieren und nicht zuletzt haben wir den Glauben und den Willen es zu tun.

Alle haben mir gesagt, dass es nur ein Tropfen im Ozean ist. Richtig, vielleicht, aber dann können wir ein Tropfenregen in den Ozean fallen lassen. Es ist durchaus möglich.

Drei Monate später kam Dorthe hinzu und gemeinsam entwickelten wir Gadens Boern weiter.

Wir haben anderen Organisationen um Hilfe gebeten, aber schon erkannten wir, dass der Gebrauchvon Geld in diesen Organisationen nicht allzu durchsichtig war. Als wir nicht durchschauenkonnten, wie und wo das Geld gebraucht wurde, entschieden wir uns für uns selbst zu starten.

Unser Geld sollte nur dazu beitragen, Gadens Boern in Indien zu helfen.

So fuhren wir nach Kolkata (Calcutta). Wir hatten keine Anhaltspunkte, wir kannten niemand und hatten keine Verbindungen. Tatsächlich waren wir ganz allein in einer Stadt mit 14 Millionen Einwohnern.

Ein bisschen seltsam, ein bisschen erschreckend, aber gut – jetzt fangen wir an, jetzt schaffen wir es! Wir besuchten viele, viele Orte im Slum, auf Bahnhöfen, wir haben mit vielen Menschen gesprochen und das Leben auf der Straße ganz aus der Nähe erlebt.

Wir haben eine Frau, Johanna, getroffen, die uns helfen will, die am schlimmsten benachteiligten Gegenden zu besuchen. Außerdem war sie auch unsere Dolmetscherin. Eine Tatsache, an die ich immer noch denke, die immer noch auf taucht in mein Gemüt, ist die erstaunliche Tatsache, dass diese Kinder, die unbeschreibliche Lebensbedingungen ertragen müssen, voller Lebensfreude sind.

Sie essen nicht jeden Tag, sie sind sehr schmutzig, sie haben keine Schuhe, ab und zu keine Eltern, sie müssen Flaschen sammeln um etwas zu essen zu bekommen, sie betteln, aber sie lachen, sie machen Spaß. Sie sind zärtlich, sie sind neugierig, sie nehmen uns fast ohne Vorbehalt an. Sie schenken uns positive Energie.

Unsere Pläne fingen an sich zu gestalten – jetzt sahen wir, wie wir etwas beitragen konnten, wie wir einen Unterschied machen. Es war uns klar, wie beharrlich wir sein sollen – dass wir oftmals drei Schritte vorwärtsgehen können, und danach zwei Schritte zurück, dass wir viele mal den Berg besteigen müssen um danach teilweise herunter zu fallen. Wie viele beschwerliche Prozesse durchleben müssen. Wie groß Bestechung in diesem Land ist. Wie andersartig diese Kultur ist und wie wir mit ihr leben können. Und wir fangen an das Gute zu sehen, das wir tun können.

Wir sind klüger geworden, wir haben viele wunderbare indische Leute getroffen und am wichtigsten: Wir haben so viele dankbare Kinder empfangen. Kinder, die gern ein Zukunft wollen, eine Ausbildung wollen, ein würdiges Leben wollen.

Pia Lindell Qwist

 

This post is also available in: Dänisch

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